Wissen · Lebenslauf & ATS · René Winkler

Anschreiben oder nicht? Die Frage ist, ob du etwas zu erklären hast

Von René Winkler · 16. August 2026 · 8 Min. Lesezeit

Anschreiben oder nicht – ein Lebenslauf und ein Anschreiben nebeneinander auf einem Schreibtisch
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Jemand sitzt mir gegenüber und will wechseln. Nicht die Branche, die kennt er seit Jahren. Die Funktion. Raus aus der Praxis, rein in den Vertrieb.

In der Ausschreibung steht Vertriebserfahrung. Nicht als Voraussetzung, sondern als wünschenswert. Er hat sie nicht. Und im Lebenslauf gibt es keinen Ort, an dem das aufgefangen werden könnte, weil ein Lebenslauf nur zeigt, was war.

Genau dafür gibt es das Anschreiben. Nicht für Floskeln. Für den Satz, der erklärt, warum jemand etwas anderes will als das, was in seinen Stationen steht.

Kurz gesagt

Die Frage ist nicht, ob das Anschreiben tot ist. Die Frage ist, ob du etwas zu erklären hast. Ein Lebenslauf zeigt Vergangenheit. Er kann keine Absicht formulieren. Wer geradeaus weitergeht, kommt fast immer ohne aus. Wer die Funktion wechselt, eine Unterbrechung hat oder eine gewünschte Anforderung nicht belegen kann, hat mit dem Anschreiben das einzige Dokument, das diese Lücke schließen kann. Und die viel zitierte Zahl, nach der kaum noch jemand ein Anschreiben will, stammt aus einer Erhebung unter fünfzig Konzernen zu IT-Stellen.

Woher die Zahl kommt, die überall zitiert wird

Wer heute sucht, ob ein Anschreiben noch nötig ist, stößt schnell auf eine Zahl: 18 Prozent. So viele der größten deutschen Unternehmen sollen es noch ausdrücklich verlangen. Die Zahl steht in Dutzenden Ratgebern, meist ohne Herkunft.

Sie stammt aus einer Auswertung der Recruiting-Plattform Taledo vom Januar 2021. Untersucht wurden die 50 umsatzstärksten deutschen Unternehmen und 50 Start-ups. Im Jahr davor lag der Wert bei 29 Prozent, bei den Start-ups bei 20. Und der Fokus der Erhebung lag auf IT-Positionen.

Damit ist die Zahl nicht falsch. Sie ist nur sehr viel kleiner, als sie klingt. Fünfzig Konzerne. Ein Fachbereich. Ein Stichtag, der inzwischen Jahre zurückliegt.

In der IT ist Können ablesbar. Es gibt Systeme, Sprachen, Projekte, Zertifikate, öffentliche Repositories. Wer dort einen Wechsel plant, kann ihn belegen, ohne ihn zu erklären. Im Handel, im Vertrieb, im Handwerk, in der Verwaltung ist das anders. Dort steht im Lebenslauf, welche Position jemand hatte, und sonst nichts. Wer aus dieser Zahl ableitet, dass er selbst kein Anschreiben mehr braucht, überträgt ein Ergebnis auf eine Situation, für die es nie erhoben wurde.

Brauche ich noch ein Anschreiben?

Es gibt eine Antwort, die immer gilt: Wenn die Ausschreibung eines verlangt, schreibst du eins. Alles andere ist keine Haltung, sondern eine nicht erfüllte Anforderung.

Interessant wird der Fall, in dem nichts verlangt wird. Dann entscheidet nicht die Branche und nicht der Zeitgeist, sondern eine einzige Frage: Steht in deinem Lebenslauf etwas, das ohne Erläuterung falsch verstanden werden kann?

Drei Situationen, in denen die Antwort ja lautet. Du wechselst die Funktion, und deine bisherigen Stationen zeigen diese Funktion nicht. Es gibt eine Unterbrechung im Lebenslauf, deren Grund nicht selbsterklärend ist; was ein System dabei tatsächlich sieht, steht im Beitrag Arbeitslosigkeit im Lebenslauf. Oder die Stelle wünscht sich etwas, das du sinngemäß mitbringst, aber nicht unter diesem Namen im Lebenslauf stehen hast.

Und die Gegenprobe: Wenn dein Weg geradeaus verläuft, deine letzte Position der ausgeschriebenen ähnelt und du alles Geforderte belegen kannst, dann trägt ein Anschreiben nichts bei. Dann ist es Papier, das jemand lesen muss, ohne etwas zu erfahren.

Voraussetzung oder wünschenswert: der Unterschied entscheidet

Das ist der praktischste Punkt in diesem Text, und er steht in keinem Ratgeber, den ich kenne.

Lies die Ausschreibung noch einmal und schau dir an, wie die Anforderung formuliert ist, die du nicht erfüllst. Es macht einen Unterschied, ob dort Voraussetzung, zwingend erforderlich oder Bedingung steht, oder ob dort wünschenswert, von Vorteil oder idealerweise steht.

Bei einer harten Voraussetzung hilft kein Anschreiben. Wer eine Zulassung, einen Abschluss oder eine Erlaubnis nicht hat, bekommt sie nicht durch Formulierung. Und ein Bewerbermanagementsystem, das eine Ausschlussfrage zu genau dieser Anforderung stellt, sortiert vorher aus.

Steht die Anforderung als Wunsch, ist das der Riss, in dem ein Anschreiben arbeitet. Der Arbeitgeber hat damit selbst gesagt, dass er darüber reden lässt. Was fehlt, ist jemand, der ihm den Übertrag abnimmt: Was von dem, was du kannst, kommt dem am nächsten, und warum.

Drei Fragen, die dein Anschreiben beantworten muss

Wenn du wechselst, hat das Anschreiben eine einzige Aufgabe, und die zerfällt in drei Fragen. Wer eine davon auslässt, hinterlässt genau die Lücke, die er schließen wollte.

Erstens: Was wechselst du? Nicht angedeutet, sondern ausgesprochen. Von der Praxis in den Vertrieb. Aus der Werkstatt in die Disposition. Aus der Sachbearbeitung in die Teamleitung. Ein Leser, der raten muss, rät nicht, er legt weg.

Zweitens: Warum? Und hier vorwärts, nicht rückwärts. Nicht was nicht mehr ging, sondern was du gesehen hast, das dich in diese Richtung zieht. Wer jahrelang am selben Thema gearbeitet hat, hat einen Grund. Der Grund ist meistens interessanter, als die Leute denken, und sie schreiben ihn trotzdem nicht hin.

Drittens, und das ist der Teil, an dem die meisten scheitern: Was bringst du mit, das der geforderten Erfahrung am nächsten kommt? Das ist der Übertrag. Nicht die Behauptung, du seist lernbereit. Sondern die konkrete Tätigkeit aus deinem bisherigen Alltag, die sachlich dasselbe ist und nur anders heißt.

Ein Beispiel aus der Praxis in den Vertrieb. Wer jahrelang Patienten oder Kunden beraten hat, hat Bedarf ermittelt, Einwände gehört, Preise erklärt, Termine nachgehalten und Menschen zu einer Entscheidung begleitet, die Geld kostet. In der Ausschreibung heißt das Bedarfsanalyse, Einwandbehandlung, Abschlussorientierung und Bestandskundenpflege. Es ist dieselbe Tätigkeit unter einem anderen Namen. Nur steht dieser andere Name nirgends in seinem Lebenslauf, und weder ein System noch ein eiliger Leser stellt diese Verbindung von allein her.

Genau das leistet ein Anschreiben, und nur ein Anschreiben. Es macht aus zwei Vokabularen eines. Wer diesen Übertrag selbst formuliert, nimmt dem Gegenüber die Arbeit ab, die es sonst nicht macht.

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Was ist wichtiger, Anschreiben oder Lebenslauf?

Der Lebenslauf. Ohne Einschränkung.

Er wird zuerst gelesen, oft von einem System, und er entscheidet, ob überhaupt jemand weiterliest. Ein starkes Anschreiben rettet keinen schwachen Lebenslauf, weil es in vielen Fällen gar nicht mehr geöffnet wird.

Umgekehrt gilt es aber auch: Ein Lebenslauf, dem eine Erklärung fehlt, wird nicht dadurch besser, dass er allein dasteht. Er wird nur schweigsamer.

Beim Schreiben folgt daraus eine Reihenfolge: erst der Lebenslauf, bis er trägt, dann das Anschreiben, und zwar nur für das, was der Lebenslauf nicht sagen kann.

Beim Lesen hängt die Reihenfolge dagegen vom Weg ab, und das wird oft durcheinandergebracht. Läuft deine Bewerbung durch ein Bewerbermanagementsystem, steht der Lebenslauf vorn: Er wird verarbeitet und bewertet, das Anschreiben spielt dabei keine Rolle. Schickst du eine Mappe als PDF oder eine E-Mail an einen Menschen, ist das Anschreiben Seite eins. Dann erklärt es die Lücke, den Wechsel oder die fehlende Anforderung, bevor der Lebenslauf überhaupt aufgeschlagen wird. Dieselbe Bewerbung, zwei verschiedene Leseordnungen.

Anschreiben und Lebenslauf: was jedes von beiden kann

Die üblichen Vergleiche stellen das eine als sachlich und das andere als persönlich dar. Das trifft es nicht. Der Unterschied ist keiner des Tonfalls, sondern der Zeitrichtung.

Der Lebenslauf steht in der Vergangenheit. Er listet, was gewesen ist, mit Zeiträumen und Bezeichnungen. Er ist überprüfbar, und genau deshalb ist er das schwerere Dokument. Was dort steht, kann jemand nachfragen.

Das Anschreiben steht in der Zukunft. Es sagt, wohin du willst und warum das zu dem passt, was hinter dir liegt. Es ist nicht überprüfbar, und deshalb wiegt es weniger. Es kann eine Behauptung sein.

Daraus folgt, wie sie sich ergänzen. Der Lebenslauf liefert die Belege, das Anschreiben liefert die Lesart. Wer nur belegt, überlässt die Deutung dem Zufall. Wer nur deutet, hat nichts in der Hand.

Und es folgt noch etwas daraus, das in den gängigen Vergleichen fehlt: Die beiden Dokumente haben nicht dieselben Leser. Der Lebenslauf muss durch ein Bewerbermanagementsystem, bevor ihn ein Mensch sieht. Das Anschreiben richtet sich in der Praxis an den Menschen dahinter, und es wird erst gelesen, wenn der Lebenslauf getragen hat. Ein Anschreiben mit Fachbegriffen zu füllen, damit ein System sie findet, geht deshalb ins Leere. Die Begriffe gehören in den Lebenslauf. Ins Anschreiben gehört der Zusammenhang.

Kann man sich auch ohne Anschreiben bewerben?

Ja, wenn keines verlangt wird. Millionen Bewerbungen laufen so, und viele Unternehmen haben ihre Formulare bewusst darauf umgestellt, um den Prozess zu verkürzen.

Was dabei gern übersehen wird: Wer das Anschreiben weglässt, verliert den einzigen Ort für Zusammenhang. Dann muss der Lebenslauf ihn selbst herstellen. Das geht, aber es geht nur über eine Profilzeile am Anfang, in der die Zielrolle und die Brücke dorthin ausgesprochen sind. Wer beides weglässt, das Anschreiben und die Profilzeile, überlässt die Einordnung dem Zufall.

Eine Zahl dazu ist mir aufgefallen, weil sie genau darauf zeigt. In einer Befragung von Joblift und Respondi unter 1.058 Bewerbern aus dem November 2021 gaben 86 Prozent an, es falle ihnen schwer, im Anschreiben herauszuarbeiten, was sie von anderen unterscheidet. Das ist kein Argument gegen das Anschreiben. Das ist ein Befund darüber, wie schwer es fällt, den eigenen Unterschied in einen Satz zu bringen. Diese Schwierigkeit verschwindet nicht, wenn das Dokument wegfällt. Sie zieht nur um.

Erklären heißt nicht rechtfertigen

Hier scheitern die meisten Anschreiben, und zwar nicht am Aufbau, sondern an der Richtung.

Wer rückwärts erklärt, verteidigt sich. Leider wurde mein Vertrag nicht verlängert, weshalb ich mich seit einiger Zeit neu orientiere. Dieser Satz macht aus einem Zeitraum ein Problem, und zwar erst durch den Satz.

Wer vorwärts erklärt, benennt eine Absicht. Ich will in den Vertrieb, weil ich in den letzten Jahren gesehen habe, woran Abschlüsse in dieser Branche tatsächlich hängen. Derselbe Mensch, dieselben Stationen, ein anderer Blickwinkel.

Der Unterschied ist keine Stilfrage. Eine Rechtfertigung braucht ein Gegenüber, das verzeiht. Eine Absicht braucht nur jemanden, der zuhört. Die zweite Haltung ist die, mit der man in ein Gespräch geht.

Daraus folgt auch, was nicht hineingehört: keine Wiederholung des Lebenslaufs, keine Aufzählung von Eigenschaften, kein Dank im Voraus für die Berücksichtigung. Wer nichts zu erklären hat, sollte nichts schreiben. Ein leeres Anschreiben ist schlechter als keines, weil es beweist, dass jemand ein Formular ausgefüllt hat.

Was du daraus mitnimmst

Verlangt die Ausschreibung ein Anschreiben, schreibst du eins. Verlangt sie keines, prüfst du eine einzige Sache: ob dein Lebenslauf ohne Erläuterung richtig verstanden wird.

Wechselst du die Funktion, hast du eine Unterbrechung oder fehlt dir etwas, das nur gewünscht ist, dann ist das Anschreiben dein Werkzeug. Steht die fehlende Anforderung als harte Voraussetzung, ist es keines.

Und wenn du schreibst, dann vorwärts. Nicht warum es so kam. Sondern wohin es geht.

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Häufige Fragen zum Anschreiben

Sind Anschreiben noch notwendig?

Notwendig sind sie dann, wenn die Ausschreibung sie verlangt. Darüber hinaus sind sie sinnvoll, sobald der Lebenslauf etwas enthält, das ohne Erläuterung falsch verstanden werden kann: ein Wechsel der Funktion, eine Unterbrechung, eine gewünschte Anforderung, die du sinngemäß erfüllst, aber nicht unter diesem Namen belegen kannst.

Was ist wichtiger, Anschreiben oder Lebenslauf?

Der Lebenslauf. Er wird zuerst gelesen, häufig von einem Bewerbermanagementsystem, und er entscheidet darüber, ob überhaupt weitergelesen wird. Ein gutes Anschreiben gleicht einen schwachen Lebenslauf nicht aus, weil es oft gar nicht geöffnet wird. Die beiden ergänzen sich über die Zeitrichtung: Der Lebenslauf belegt, was war, das Anschreiben benennt, wohin es geht.

Sind Anschreiben bei Bewerbungen noch zeitgemäß?

Das klassische Anschreiben mit Floskeln und wiederholtem Lebenslauf ist es nicht. Ein kurzer Text, der einen Wechsel oder eine Lücke einordnet, ist es sehr wohl. Die häufig zitierte Angabe, wonach nur noch 18 Prozent der großen Unternehmen ein Anschreiben verlangen, stammt aus einer Auswertung von Taledo aus dem Januar 2021 und bezog sich auf 50 Konzerne und IT-Positionen.

Was als erstes, Anschreiben oder Lebenslauf?

Beim Schreiben zuerst der Lebenslauf, denn das Anschreiben ergänzt nur, was dort fehlt. Beim Lesen kommt es auf den Weg an: Läuft die Bewerbung über ein Bewerbermanagementsystem, wird der Lebenslauf zuerst verarbeitet. Geht sie als PDF-Mappe oder E-Mail direkt an einen Menschen, ist das Anschreiben Seite eins und wird zuerst gelesen.

Kann man sich auch ohne Anschreiben bewerben?

Ja, sofern keines gefordert ist. Dann sollte der Lebenslauf allerdings mit einer Profilzeile beginnen, in der die Zielrolle steht. Sonst fehlt jeder Ort, an dem der Zusammenhang zwischen dem, was war, und dem, was du willst, hergestellt wird.

Wie erkläre ich einen Wechsel der Position im Anschreiben?

In drei Schritten. Erstens: benennen, was du wechselst, ausgesprochen und nicht angedeutet. Zweitens: den Grund vorwärts formulieren, also worauf du zielst statt was nicht mehr ging. Drittens der Übertrag: die konkrete Tätigkeit aus deinem bisherigen Alltag, die der geforderten Erfahrung sachlich entspricht und nur anders heißt. Prüfe vorher, ob die fehlende Anforderung in der Ausschreibung als Voraussetzung oder als wünschenswert steht. Nur im zweiten Fall lässt sich mit einem Anschreiben etwas bewegen.

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